Architekturwett-
bewerbe bringen Qualität in die Entwicklung des ländlichen Raumes

Interview mit Josef Mathis, ehemaliger Bürgermeister der Gemeinde Zwischenwasser

Der langjährige Bürgermeister der Gemeinde Zwischenwasser in Vorarlberg, Josef Mathis, ist ein Querdenker und Pionier. Seit Jahrzehnten setzt er sich dafür ein, die Zukunftschancen des ländlichen Raumes zu verbessern. Dabei setzt er vor allem auf Baukultur, hohe Architekturqualität und eine gemeinwohlorientierte Raumordnungspolitik.

Mathis hat in Vorarlberg viel dazu beigetragen, dass auch kleine Gemeinden bei ihren Bauprojekten konsequent auf die Durchführung von Architekturwettbewerben und auf die Expertise von Gestaltungsbeiräten setzen. Weil eine identitätsstiftende Baukultur immer nur aus den besonderen technischen und handwerklichen Fähigkeiten einer Region selbst zu verstehen und zu entwickeln ist, ist Mathis auch ein strikter Gegner von Vergabeverfahren nach dem Billigstbieterprinzip.

Als Sie zum Bürgermeister gewählt wurden: Hatten Sie da eine Vorstellung davon, welche Herausforderungen auf Sie im Bereich der Baukultur zukommen werden?

MATHIS:
Als ich begonnen habe, hatte ich ehrlich keine Vorstellung davon. Und ich habe mir überlegt: Was kann ich selber gut? Wo sind meine Kompetenzen und wo brauche ich Hilfe? Als Bürgermeister hat man sehr viele Projekte, bei denen man selber nicht der Fachmann ist und so etwas ist das Bauen. Im Baugesetz ist vorgeschrieben, dass die Baubehörde zu prüfen hat, ob etwas, was gebaut wird, ins Umfeld passt. Ich habe sehr schnell erkannt, dass das nicht meine Kompetenz ist und habe mir deswegen ein paar Jahre später schon einen Gestaltungsbeirat zugelegt.

In der Gemeinde Zwischenwasser gibt es nun schon seit vielen Jahren einen Gestaltungsbeirat. Wie ist heute die Akzeptanz?

MATHIS:
Es ist uns im Laufe der Jahre durch den Gestaltungsbeirat gelungen, die Qualität des Bauens anzuheben. Wir sehen die Tätigkeit des Gestaltungsbeirates als Beratungstätigkeit. Die Bauherren können sich erkundigen. Man lässt ihnen Zeit für die Entscheidungen, gibt die Möglichkeit Planungen, die vorliegen zu überarbeiten. Der Gestaltungsbeirat gibt als Beratungsgremium auch der Baubehörde Beratungsrückhalt. Es gibt natürlich immer noch Bauwerber die der Meinung sind, dass, wenn man schon selber zahlt, auch niemand dreinreden soll.

Aber das geht eben nicht, weil privates Bauen ja auch den öffentlichen Raum beeinflusst und gestaltet. Und da ist es für die Baubehörde angesagt, dass man sich die besten Berater holt. Ich vergleiche das immer damit: Wenn ich als Privatperson einen Vertrag brauche, um zum Beispiel ein Grundstück zu kaufen, dann nehme ich mir auch einen Notar oder Rechtsanwalt und gehe nicht zum Metzger.

In vielen kleinen Gemeinden scheut man noch immer vor Architekturwettbewerben zurück. Nicht so Ihre Gemeinde. Warum?

MATHIS:
Ein Wettbewerb ist für die auslobenden Gemeinden das beste Mittel, um zu einem wirklich guten Entwurf zu kommen. Das hat ja der Wettbewerb an sich, dass man aus mehreren Entwürfen auswählen kann. Ich habe mir dann manchmal gedacht: Irgendwie ist das auch ungerecht. Die Preisgelder sind nicht so üppig, 10 Architekten liefern ihre Entwürfe, aber nur einer bekommt den Auftrag. Aber das ist eben das Wettbewerbswesen.

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Ein guter Architekturwettbewerb braucht eine gute Vorbereitung. Wie macht man das am besten? 

MATHIS:
Ja, das ist wirklich so, dass das Ergebnis eines Wettbewerbes nur so gut ist, wie man ihn vorbereitet. Man sollte meiner Meinung nach in die Vorbereitung sehr viel Zeit und Energie investieren. Umso einfacher ist es nachher das Ergebnis präsentieren zu können.

Es beginnt beim Raumprogramm: Wenn man nicht weiß was man will, dann braucht man keinen Wettbewerb auszuschreiben. Es geht auch darum, vor allem bei öffentlichen Gebäuden, die späteren Nutzer schon im Vorfeld mit einzubeziehen. Und es geht darum die Qualität, die man letztlich haben will, vorher zu definieren. Wenn man diese 3 Punkte berücksichtigt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Die tatsächliche Qualität eines fertigen Projektes hängt eng mit den Vergabeformen bei der Ausführungsvergabe zusammen. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang, Generalunternehmervergaben ohne Trennung von Planung und Ausführung? 

MATHIS:
Ich halte nichts vom Generalunternehmertum, ich muss das einfach auch aus meiner Erfahrung so sagen. Ich glaube es ist besser, wenn man Planung und Ausführung trennt. Da hat man dann auch die gegenseitige Kontrolle.  Wenn man öffentliche Gebäude baut, hat man ja auch die Verpflichtung das Geld, das eingesetzt wird, bestmöglich zu verwenden. Und da sollte es nicht darauf ankommen, ob jetzt der Bau selbst, um 2 oder 3 % teurer ist. Es geht dabei um die langfristigen Aspekte, um die Erhaltung und Erhaltungskosten. Und da ist aus meiner Sicht einfach das Beste gut genug.

Worauf führen Sie diese hohe Sensibilität zu Fragen der Baukultur in Vorarlberg zurück?

MATHIS:
Die Entwicklung von Vorarlberg hängt von mehreren Faktoren ab:  Wir haben ein relativ liberales Baugesetz, es gibt – verhältnismäßig – viele junge gute Architekten. Es gibt viele Bürgermeister die daran interessiert sind, als Baubehörden gestalterisch etwas weiterzubringen. Es gibt eine Handwerkerstruktur, speziell im Holzbau, die ihresgleichen wahrscheinlich in Mitteleuropa sucht. Diese Komponenten haben die Architekturgeschichte in Vorarlberg geschrieben. Ich glaube auch, dass es mit dem Selbstbewusstsein der Vorarlberger zu tun hat und, dass wir nicht obrigkeitsgläubig sind. Wir sind weit weg von der Bundeshauptstadt. Und das ist kein Nachteil.

Sie haben das relativ liberale Baugesetz in Vorarlberg angeschnitten. Welche Folgen zieht das nach sich?

MATHIS:
Es ist eine Situation – mit einem relativ liberalen Baugesetz – in der man noch Gestaltungsmöglichkeiten hat. Ich vergleiche das oft mit Deutschland, Bayern oder Baden Würtenberg, wo alles bis ins letzte Detail geregelt ist. Und wenn man diese Orte, beziehungsweise die Architekturentwicklung dort anschaut, dann sieht man das auch.

In Deutschland ist die Baubehörde in erster Instanz auf Kreisebene angesiedelt und der Bürgermeister darf Senf dazu geben. Das ist aber zu wenig. Wenn man dann die Verantwortung hat, dann muss man sie auch wahrnehmen. Und das sehe ich als Entwicklungsgrund warum es in Vorarlberg ist, wie es ist.

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Dass die Flächenwidmungskompetenz in Österreich bei den Gemeinden liegt, hat letztlich zur Verhüttelung Österreichs geführt. Was müsste man da tun? 

MATHIS:
Ja, das ist unser großer Pferdefuß. So gut wir in Gestaltung und Architektur sind, so schlecht sind wir in der Raumplanung. Und das hat auch damit zu tun, dass die Kompetenz bei der Gemeinde allein liegt. Meine Erfahrung sagt mir, es ist dringend notwendig, dass wir hier Änderungen anstreben und umsetzen.

Ich meine, man sollte es nicht ohne die Gemeinden machen, aber es sollte eine regionale Entscheidungsebene kommen. Dieser unsägliche Flächenwidmungswettbewerb der Gemeinden wegen der Kommunalsteuer führt ja zu einem Landverbrauch, der einfach nicht mehr vertretbar ist. Und deswegen habe ich mich jetzt auch in einer Initiative für eine gemeinwohlorientierte Raumordnung in Vorarlberg engagiert. Die Vorschläge, die wir machen, sind aber manchen doch etwas zu radikal.

Wir fordern, Baulandwidmungen mit einem Ablaufdatum zu versehen. Denn es gibt Unmengen an ungenutztem Bauland, gleichzeitig wird aber immer neuer Grünraum umgewidmet. Wir schlagen auch eine Abgabe auf nicht bebautes Bauland vor. Das sind aber Dinge, die in Vorarlberg schwierig umzusetzen sind, weil sich die politischen Spitzenvertreter schon klar dagegen ausgesprochen haben. Aber wir sehen uns da als diejenigen, die die Diskussion anstoßen. Wir wollen mit guten Beispielen zeigen wie es geht. Das ist ein harter und langer Weg, aber wir geben nicht so schnell auf.

Sie haben die Qualität der regionalen Planer und Handwerker als einen Grund für die hohe baukulturelle Qualität in Vorarlberg genannt. Die kommen bei Vergaben nach dem Billigstbieterprinzip aber gehörig unter Druck. Was kann man tun?

MATHIS:
Ich halte das Billigstbieterprinzip für falsch. Es müsste durch das Bestbieterprinzip ersetzt werden. Wir in Vorarlberg haben immer Wege gefunden, wie wir in Richtung Bestbieter kommen. Das ist auch eine Frage der detaillierten Art der Ausschreibung. Auch nach geltendem EU-Recht hat man Gestaltungsmöglichkeiten. Aber ich teile die Meinung, dass man da auf Bundesebene wirklich nachfassen muss, damit auch Qualität zur Umsetzung kommt.