Standards schaffen Klarheit für Auftraggeber und Auftragnehmer

Interview mit dem Vorstandsmitglied der ÖBB, Franz Bauer

Die ÖBB ist einer der größten öffentlichen Auftraggeber für Bauprojekte in Österreich. Die großen Infrastrukturprojekte der ÖBB zählen zu den komplexesten Bauvorhaben des Landes. Die großen innerstädtischen Bahnhofsbauten oder die aktuellen Tunnelprojekte beinhalten beinahe jede denkbare Herausforderung, die bei der Entwicklung, Planung, Ausschreibung, Vergabe oder Ausführungsaufsicht von Bauprojekten anfallen können.

Kaum ein anderer öffentlicher Auftraggeber kann daher auf mehr Erfahrung in diesem Bereich zurückblicken, als die ÖBB. Wir haben mit Vorstandsdirektor DI Franz Bauer darüber gesprochen, worauf es aus seiner Sicht bei der Vergabe von Planungs- uns Ausführungsleistungen bei öffentlichen Auftraggebern ankommt. 

Komplexe Projekte wie große Tunnelbauten brauchen viel Fachwissen. Ab welchem Punkt der Projektentwicklung zieht die ÖBB dazu externe PlanerInnen bei?

BAUER:
Die Notwendigkeit externe Dienstleister, bzw. Planer-Experten beizuziehen beginnt eigentlich mit der Stunde Null eines Projektes. Wenn wir beispielsweise eine neue Strecke planen, ist es notwendig ganz zu Beginn im eigenen Haus gewisse Parameter zu definieren: Was sind die Anforderungen dieser neuen Strecke und was soll sie leisten. Essentiell ist natürlich die Frage, wie eine neue Strecke in den vorhandenen Raum, in die vorhandene Umwelt eingebettet werden kann. Daher ist es in der Stunde Null bereits notwendig, zu erfassen was die Inhalte dieses Raumes und was die naturräumlichen Ausgestaltungen, bzw. Prägungen sind. Dazu braucht es natürlich eine ganze Menge externer Dienstleister, beginnend mit Raum- und Umweltuntersuchungen, Hydrogeologen, etc. Also allen nötigen Expertisen, die wir nicht im eigenen Haus haben.

Welche Rolle spielen Standards wie die Leistungsmodelle die von Professor Lechner an der TU-Wien gemeinsam mit Auftraggebern und Planer ausgearbeitet wurden bei den Auftragsvergaben der ÖBB?

BAUER:
Standards werden bei uns gerne benutzt. Standards haben grundsätzlich den Vorteil, dass sich schon im Vorhinein die Auftraggeber- und Auftragnehmer Seite damit auseinandergesetzt hat, worauf es bei einer Dienstleistung ankommt. Und diese Standards helfen dann, dass man sich darauf verlassen kann und auch als Anbieter nicht wieder alles komplett durchforschen muss, sondern bereits über die geforderten Standards Bescheid zu wissen und daher auch die Qualitäts- und Kostenvorstellungen sehr gut platzieren zu können. Wir verwenden diese Standards gerne, weil sie das Leben erleichtern. Beginnend von der Ausschreibung bis hin zur Vertrags- und Leistungsabwicklung.

Von unserer Seite geht es natürlich auch darum, dass wir von Anfang an klar formulieren müssen, wie die Sphärenverteilung ist: Wenn sich etwas ändert, kommt es aus der Sphäre des Auftraggebers oder des Auftragnehmers? Anhand dieses grundsätzlichen Verständnisses der Risikozuteilung, ist es viel leichter sich mit Änderungen, die im Zuge des Projektes auftreten können zu beschäftigen. Das ist nach unserer Erfahrung ein gutes Werkzeug um unnötiges Streitpotential zu verhindern.

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Welche Haltung haben sie zum Bestbieterprinzip bei geistig schöpferischen Dienstleistungen?

BAUER:
Bei den geistig-schöpferischen Dienstleistungen haben wir eigentlich von Anfang an, soweit es das Bundesvergabegesetz gegeben hat, das Verhandlungsverfahren gewählt, mit einer zuträglichen Gewichtung von Qualität und Preis. Bei Planungsleistungen war der Preis in der Bandbreite immer 30 % und die Qualität 70%. Bei baubegleitenden Dienstleistungen, so z.B. behördliche Bauaufsicht oder Baumanagement, haben wir den Preis ein bisschen angehoben, auf 40 %. I

n dieser Bandbreite bewegen sich eigentlich alle Vergaben. Die Qualitätskriterien sind natürlich unterschiedlich. Wenn es darum geht, dass wir z.B. eine Trassenplanungsleistung brauchen, kommt es bei uns natürlich immer auf die Erfahrung der Partner an, auf die Nachweise darüber, was sie bis jetzt gemacht haben.

Wichtig ist dabei auch die Frage, wie das Schlüsselpersonal aufgestellt ist, d.h. welche Erfahrungen, welches Verhalten, welches Vorgehen eingebracht wird. Das wird an sich in jedem Verfahren punktuell, wie man es dann braucht, bewertet.

 „Standards haben den Vorteil, dass sich Auftraggeber- und Auftragnehmer schon im Voraus damit auseinandergesetzt haben, worauf es ankommt“.
DI Franz Bauer, Vorstandsdirektor ÖBB

Von großen öffentlichen Infrastrukturinvestitionen erwartet man sich ja immer auch konjunkturbelebende Effekte im Land selbst. Andererseits müssen sie europaweit ausschreiben und auch so kostengünstig wie möglich bauen. Wie gehen sie mit diesem Dilemma um?

BAUER:
Ich weiß gar nicht, ob das ein Dilemma ist. Ich habe ja zuerst gesagt, dass wir versuchen unser Bauvolumen auch zu portionieren, natürlich mit der Maßgabe, dass wir dann managen müssen wenn wir das splitten, was wir gerne machen, da wir das gelernt haben und auch sehr gut können.

Und daher ist es so, dass wir natürlich einerseits durch die Portionierung des Volumens sowohl gewerkmäßig als auch volumenmäßig natürlich die KMU`s und auch die Großen, je nach Sparte und Branche, zu kitzeln versuchen, um ihr Interesse und folglich ihre Teilnahme an unseren Wettbewerbsausschreibungen zu erwecken.

Von unserer Herkunft und von unserer Herangehensweise sind wir so aufgestellt, dass wir, so denke ich wird das auch am Bietermarkt wahrgenommen, sehr fundierte Ausschreibungen erzeugen, die sehr gut durchdacht sind und keine unfairen Risikoübertragungen beinhalten.

Es ist relativ klar formuliert was die Auftraggeber Seite und was die Auftragnehmer Seite ist. Wir stecken daher sehr viel Kraft und auch Zeit in die Vorbereitungen dieser Ausschreibungen. Da gibt es wirklich durchaus sehr intensive Durchläufe bis so eine Ausschreibung dann tatsächlich freigegeben ist, geknetet von allen Mitwirkenden und auch sehr gut durchdacht. Ich denke, dass wir die Zeit und den Aufwand, den wir da hineinstecken, bereits bei der Angebotsabgabe ernten, da wir sehr treffende Preisangebote bekommen und keine undurchschaubare Risken hineinzupacken sind.

 

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Wenn Sie als erfahrener Großprojektauftraggeber weniger erfahrenen öffentlichen Auftraggebern – zum Beispiel einer kleine Gemeinde – einen Rat geben müssten, wie er oder sie am sinnvollsten an die Vergabe eines Infrastrukturprojektes heran gehen soll, wie wäre dieser?

BAUER:
Ich würde dem Auftraggeber raten, ein bisschen Zeit zu investieren, um sich anzusehen, wie das jene Institutionen oder öffentliche Auftraggeber machen, wie beispielsweise wir, wo dies das Tagesgeschäft ausmacht.

Also einfach mal hineinhorchen und durchaus hinterfragen, auf welche Elemente es ankommt, bzw. welche Rolle man als öffentlicher Auftraggeber spielen möchte: Bin ich derjenige, der die Finanzmittel dafür bereitstellt oder habe ich eine aktivere Rolle, in dem ich am Werden der Planungs- in der Bauphase aktiv teilnehmen möchte? Das ist dann eine Frage der Ressourcen, d.h. ist das überhaupt leistbar oder doch nicht. Wenn einmal in 10 Jahren ein Turnsaal oder etwas dergleichen gebaut wird, dann wird das wahrscheinlich schwierig. Die Frage ist, ob eine Bauabteilung zumindest Ansätze bietet um etwas in der Art zu bewerkstelligen.

Wenn das nicht der Fall ist, dann ist es trotzdem gut sich anzuschauen worauf es ankommt, welche Prinzipien im Projektmanagement zu befolgen sind und wem ich dann die sogenannte Projektmanagementaufgabe übertrage. Da muss man dann ein paar Pflöcke einschlagen uns sagen was einem wichtig erscheint, egal ob das ein Zivilingenieur, ein Architekt oder sonst jemand für die Gemeinde macht. Natürlich ist ein striktes Berichtswesen gut, dass man die Entwicklungen, auch als Auftraggeber mitverfolgen kann.

Welche Rolle können die LM VM bei solchen Prozessen spielen?

BAUER:
Der Auftraggeber muss bereit sein, sich darin zu vertiefen: Was gibt es da, welche Funktionen erfüllen diese Regelwerke und was ist für mich brauchbar? Es geht eigentlich immer darum, inwieweit ein öffentlicher Auftraggeber, bereit oder dazu gezwungen sich mit der Materie intensiv auseinanderzusetzen bevor er den ersten Euro ausgibt, das heißt bevor er das Projekt losgetreten hat.

Wenn wir einen Investitionsbeschluss fassen, alle Behördenverfahren abgewickelt haben und das Projekt inhaltlich komplett ausspezifiziert ist, können wir erstmals eine fundierte Kostenberechnung, die dieses Wort auch verdient, präsentieren. Denn wenn man etwas lostritt und nur eine vage Vorstellung hat, wird man schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeführt, da die Kostenschere schnell einmal auseinanderlaufen kann. Und das dann wieder einzuholen wird umso schwieriger, je weiter das Projekt fortgeschritten ist.