Baukultur ist leistbar – wenn man nur will

Bürgermeister, die auf Baukultur setzen, schaffen nachhaltige Werte für Generationen.

ORF-Anchorman Tarek Leitner hat mit seinem Buch „Mut zur Schönheit – Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs“ einen Nerv der Zeit getroffen. Sein Buch ist eine Art Sehhilfe, die uns wieder sensibel dafür machen soll, welche Scheußlichkeiten sich die Menschen selbst antun und auch gefallen lassen. Shoppingcenter, Fastfood-Ketten, Umfahrungsstraßen, Schallschutzwände, Landversiegelung rund um immer neue Kreisverkehre, Verhüttelung der Landschaft sind das Ergebnis einer achtlosen, rein am kurzfristigen Investorenprofit und am ruinösen Wettbewerb der Gemeinden um Einwohner- und Kommunalabgabenzuwachs orientierten Raumordnungs-, Flächenwidmungs- und Baukulturpolitik.

Was dabei leicht übersehen wird: Einmal begangene politische Sünden – durch vorschnelle Umwidmungen, achtlose oder gar keine Bebauungsplanung, keinerlei Qualitätsmaßstäbe bei baukulturellen Fragen – sind praktisch nicht mehr umkehrbar. Denn das nahezu unantastbare Eigentumsrecht schützt jene, die ihre vom Boom des Onlinehandels leergefegten Shopping- und Handelsflächen an den Ortsrändern leer stehen und verrotten lassen genauso wie die Errichter anderer baukultureller Zumutungen wie etwa überdimensionierte „Stuhlobjekte“ vor Möbel-Megastores.

Die Bürgermeister, vor allem kleinerer Gemeinden, sind dabei in vielfacher Hinsicht herausgefordert: Denn die Interessen der Grundstücksbesitzer und Bauwerber stehen oft in diame­tralem Gegensatz zu baukulturellen Zielen. Und die Beurteilung und Durchsetzung von baukultureller Qualität erfordert nicht nur Kompetenz, sondern auch eine entsprechende Unabhängigkeit von Interessenseinflüssen. Josef Mathis, langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Zwischenwasser in Vorarlberg, hat daraus schon früh seine Konsequenzen gezogen: „Im Baugesetz ist vorgeschrieben, dass die Baubehörde zu prüfen hat, ob etwas, das gebaut wird, ins Umfeld passt. Ich habe sehr schnell erkannt, dass das nicht meine Kompetenz ist und mir deswegen rasch einen Gestaltungsbeirat zugelegt.“

Die Einführung eines Gestaltungsbeirates hat für Kommunalpolitiker gleich mehrere Vorteile: Man holt sich eine politisch neutrale Fachexpertise ins Boot und bettet die Bauverfahren auch in einen Beratungsrahmen ein, von dem auch die Bauwerber profitieren:  „Es ist uns damit im Laufe der Jahre gelungen, die Qualität des Bauens deutlich anzuheben. Das heißt nicht, dass alles gut ist was gebaut wird. Man muss manchmal auch Kompromisse machen. Aber insgesamt ist feststellbar, dass wir sehr viel erreicht haben.“

Ein Gestaltungsbeirat ist dabei gleichzeitig auch eine Service­einrichtung für die Bauwerber selbst. „Wir sehen diese Tätigkeit als Beratungseinheit. Die Bauwerber können sich erkundigen. Man lässt ihnen Zeit über Entscheidungen, die sie vielleicht schon getroffen haben, nachzudenken, gibt die Möglichkeit Planungen die vorliegen neu zu formatieren“, sagt Mathis.

Die Politik wird durch einen Gestaltungsbeirat auch selbst aus der Schusslinie genommen, unterstreicht der Gamlitzer Bürgermeister Karl Wratschko, der in seiner Gemeinde ebenfalls einen Gestaltungsbeirat eingesetzt hat: „Für mich als Bürgermeister ist es einfacher geworden. Ich sage jetzt: Wenn der Gestaltungsbeirat das positiv begutachtet hat, dann habe auch ich kein Problem mit der baurechtlichen Bewilligung.“

„Für mich als Bürgermeister ist es einfacher geworden. Ich sage jetzt: Wenn der Gestaltungsbeirat das positiv begutachtet hat, dann habe auch ich kein Problem mit der baurechtlichen Bewilligung.“
Karl Wratschko, Bürgermeister von Gamlitz

In Innsbruck setzt man den Gestaltungsbeirat auch dafür ein, private Bauwerber dazu zu motivieren,  ihr  Bauvorhaben über Architekturwettbewerbe zu entwickeln: „Wer eine Änderung des Bebauungsplanes möchte, muss das über einen nach den Standards der Ziviltechnikerkammer durchgeführten Architekturwettbewerb machen“, sagt die Innsbrucker Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer.

Josef Mathis denkt in Fragen der baukulturellen Entwicklung des Landes noch einen Schritt weiter. Denn der Handlungsspielraum der Gemeinden selbst ist in diesen Fragen viel zu begrenzt. Er hat gemeinsam mit anderen die Initiative „vau/hoch/drei“ für eine gemeinwohlorientierte Raumplanung gestartet. Mathis sieht dabei vor allem die Bundesländer gefordert: „Das ist unser großer Pferdefuß: So gut wir in Gestaltung und Architektur sind, so schlecht sind wir in der Raumplanung. Das hat auch damit zu tun, dass die Kompetenz bei der Gemeinde allein liegt“, sagt er. Die Liste der Vorschläge der Gruppe ist ebenso umfassend wie weitreichend. Sie reicht von befristeten Baulandwidmungen bis zur Einrichtung eines Bodenfonds, der sich aus einer Infrastrukturabgabe für in Anspruch genommene öffent­liche Infrastruktur, insbesondere in stark zersiedelten Gebieten speisen soll. In der Steiermark hat vor einigen Jahren auf Initiative des damaligen Landtagspräsi­denten Franz Majcen eine Enquete zu diesem Thema stattgefunden, bei der ebenfalls ein umfangreicher Maßnahmenkatalog erarbeitet wurde.

Auf Ebene der Landespolitik steht man diesen Vorschlägen immer noch zögerlich gegenüber, selbst wenn quer durch die Bundesländer die dafür verantwortlichen Landespolitiker die Grundprobleme längst erkannt haben. Fazit: Baukultur wäre leistbar. Wenn man nur will …

Foto by nonconform

Gemeindezentrum Mils DIN A4 Architektur
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